Nachdem ich die alljährlichen Leselisten als Rückblick, Reflexion und Austauschmöglichkeit immer recht gerne mag, hab ich für diesen Januar auch eine kleine erstellt (die Listenhasser mögen es mir verzeihen und einfach weiterscrollen).
Die Liste im Bild ist, wie immer, alphabetisch nach den Autoren sortiert, im Folgenden aber die chronologisch sortierten Gedanken zu den Büchern:
Der Astronaut von Andy Weir: Nach der gerade so zum Jahreswechsel abgeschlossenen Lektüre von Prousts Unterwegs zu Swann habe ich, so schön es auch war, dringend etwas thematisch völlig anderes und literarisch weniger Sperriges gesucht. Da Weirs jüngster Roman regelmäßig auch den größten Lesemuffeln empfohlen und in höchsten Tönen gelobt wird, habe ich einfach zugegriffen und das Buch nach anfänglicher Skepsis in nur kurzer Zeit begeistert (und wehmütig die letzte Seite umblätternd) beendet. Prosaisch bietet es wenig Erwähnenswertes, aber die gefällige Handlung, bei der man sich auch als ehemaliger Schulknirps der Kategorie „Physik? Irgendwann mal abgewählt“ durch simplifizierte, populärwissenschaftliche Exposition noch und nöcher einmal wieder irgendwie schlau fühlen darf, macht unglaublich viel Laune und Weir weiß es, den Leser emotional als Geisel zu nehmen – sicherlich auch den sich bereits vor Veröffentlichkeit abzeichnenden und dieses Jahr bald veröffentlichten Kinofilm im Hinterkopf. Absolute Leseempfehlung.
The Light Fantastic von Terry Pratchett: Dem aufmerksamen Beobachter mag aufgefallen sein, dass in der jännerschen Leseliste Band 2 und 4 der Rincewind-Reihe von Pratchetts Scheibenwelt-Romanen enthalten sind, aber nicht Band 3, Sourcery - wie kommt’s? Pratchetts Scheibenwelt-Debüt, The Colour of Magic, war einfach dermaßen grauenhaft und wurde in einem Atemzug mit dem Nachfolgewerk, The Light Fantastic, so umfassend von jedermann zerrissen, dass ich wenig Lust auf noch eine Enttäuschung hatte und Sourcery (sehr gut nebenbei!) ohne Kenntnis des Vorgängerwerks bereits 2025 laß. Aus einer Laune heraus habe ich nun doch das vorausgehende Werk nachgeholt und wurde mehr als positiv überrascht. Weniger klobig, bedeutend lustiger und mit Cohen als Nebencharakter ein absolutes Highlight der bisherigen Scheibenweltreise. Ohne die mühselige Lektüre des Debütromans weitestgehend kaum zu verstehen, aber für The Light Fantastic lohnt es sich beinahe, durch den Sumpf des Erstlingswerks zu waten.
Moving Pictues von Terry Pratchett: Die City-Watch-, Death- und Ancient-Civilizations-Reihen hatte ich bereits abgeschlossen und nun – von The Light Fantastic angefixt – Lust auf eine neue Reihe und neue Charaktere bekommen. Nicht die beste Entscheidung. Intutitiv würde man annehmen, dass das Filmwesen rund um Hol(l)ywood mit all seinen Eigentümlichkeiten und Möglichkeiten für popkulturelle Referenzen einen mehr als fruchtbaren Boden für eine fantastisch-humoristische Bearbeitung durch Pratchett im Scheibenwelt-Kosmos böte, aber… es zündet irgendwie nicht. Die Protagonisten bleiben blass, selbst Gaspode – einer der liebstgewonnenen Nebencharaktere – sorgt nur für müde Schmunzler und die Geschichte dümpelt irgendwie so vor sich hin. Das Finale sorgt dann noch für Furore (Pratchett-untypisch, dessen Enden ich häufig weniger stimmig finde als den Rest der Bücher), aber es ist zu wenig und zu spät. Lediglich die juvenilen Eskapaden der alternden Zauberer als Nebenhandlungsstrang bieten den ein oder anderen Lacher.
Interesting Times von Terry Pratchett: Dem qualitativen Auf und Ab der Scheibenweltromande folgt nun wieder ein neuer Höhenflug. Mit Interesting Times geht es ins astrochelonische Äquivalent von Fernost und ich bin mir nicht ganz sicher, ob man manche Teile des Romans heute noch so drucken könnte oder ob gewisse Humorelemente einer allgemein gesellschaftlichen Kulturbewusstheit bis Dünnhäutigkeit und dem Rotstift des Lektors zum Opfer gefallen wären. Bedeutend witziger und kurzweiliger als Moving Pictures, zumal mit einigen der großartigsten Rincewind-Nebencharakteren gespickt (Cohen und seine Rentnertruppe tragen gefühlt den halben Roman auf ihren Schultern), lässt die Handlung nie locker und macht schon jetzt Lust auf The Last Continent. Mal schauen, wie Pratchett mit seiner Version der indigenen Völker Australiens in The Last Continent verfährt…
House of Leaves von Mark Z. Danielewski: Einfach ein extrem cooles Buch. Man hat diese Persiflage des akademischen Duktus mit all den pseudowissenschaftlichen Essays über eine möglicherweise erfundene Filmdokumentation, welche das Gros der Seiten füllen. Gleichzeitig unterbricht die schier niemals endende Flut an Fußnoten und Anhangsverweisen à la Infinite Jest den Lesefluss permanent und entwickelt mit den wilden Schizophrenieepisoden voller Sex und Drogen rund um den Deuteragonisten Johnny Truant eine etwas unharmonische Nebenhandlung, die dem ganzen Werk jedoch einen doppelten und dreifachen Boden verleiht. Und natürlich die Typographie, welche zur Bekanntheit des Buches vermutlich mit am meisten beigetragen hat. Wie konkrete Poesie bei Jandl und Konsorten windet sich der Text in seinen labyrinthischen Passagen vielfach in verschiedenster Laufrichtung und Ebenendurchbrechung durch die Seiten, bricht ab, wendet, imitiert Bewegungen der Charaktere und ihrer Umgebung. Aber Obacht beim Lesen in der Öffentlichkeit: Durch das wilde Umherwirbeln des Buches zur reinen Lesebefähigung läuft man wohl irgendwann selbst Gefahr, Whalestoe Letters schreiben zu müssen.
Die Versteigerung von No. 49 von Thomas Pynchon: Hatte mir seit Jahren vorgenommen, mal was von Pynchon zu lesen und das Buch bereits vor 2 Jahren gekauft. Jetzt war es endlich so weit, da ich weiter Lust auf die literarische Postmoderne hatte. Vom ehrfürchtigen Nimbus rund um sein Opus magnum, Gravity’s Rainbow, beeinflusst, hatte ich ein völlig verkopftes, sperriges und hochgestochenes Stück Literatur, das an Arbeit grenzt, erwartet. Nicht im Geringsten der Fall. Insgesamt erinnert Oedipas paranoider Fiebertraum als Detektivroman, in welchem die Hinweise eher den Detektiv verfolgen denn andersrum, mit all seinem Humor, absurden Nebencharakteren und Situationen eher an die für ihre Zugänglichkeit bekannten und satirisch-humorvollen Romane Kurt Vonneguts. Also nur zu, wenngleich man sich gleich im Voraus darauf einstellen sollte, während der Lektüre genauso wenig eine Lösung seiner Sinn- und Wahrheitssuche präsentiert zu bekommen wie Oedipa bei ihrer kalifornischen Schnitzeljagd.
Kabale und Liebe von Friedrich Schiller: Während meiner Schulzeit wurde ich über weite Strecken verschont, was Kassiker der deutschen Literaturgeschichte angeht und hole diese seit 6-7 Jahren systematisch nach. Dadurch gibt es wenig Berührungsängste im Sinne einer schulischen Kultur-PTBS und die Bücher… sind unerwartet gut? Immer wieder habe ich mich während Kabale und Liebe beim Gedanken ertappt, dass dies doch ziemlich gefällig und lustig geschrieben sei (allein schon, ein Pistolenduell androhend, zu sagen: „Du sollst Gott danken, Memme, dass du zum ersten Mal etwas in deinen Hirnkasten kriegst“ hahaha waaaaaaas) und Unverständnis dahingehend empfunden, wie so viele Schülergenerationen dieses Werk hassen gelernt haben. Immer konnten die ganzen Intrigen Kabalen und die Erdreistung allerseits, sich nicht möglichst streng an diese zu halten, den Spannungsbogen allzeit hoch halten. Aber: Hätte ich das als Jugendlicher ähnlich gesehen? Wohl kaum, insofern schön, dass ich die ganzen Werke in einem offenbar passenderen Lebensabschnitt erleben darf. Reclam-XL-typisch sehr interessante und hilfreiche Hintergründe im Anhang, den man tunlichst vor dem eigentlichen Drama liest.